Oscar Sales Bingisser (rot) als Generalvikar Johann Faber in einer Disputationsszene mit Zwingli und der Stadtzürcher Obrigkeit. Foto: Aliocha Merker
Oscar Sales Bingisser (rot) als Generalvikar Johann Faber in einer Disputationsszene mit Zwingli und der Stadtzürcher Obrigkeit. Foto: Aliocha Merker
Die Figur des Johann Faber, seit 1518 Generalvikar des Bischofs von Konstanz, ist eine Paraderolle für Oscar Sales Bingisser. Plakat: Ascot Elite Entertainment/Foto: Aliocha Merkerletzten
Die Figur des Johann Faber, seit 1518 Generalvikar des Bischofs von Konstanz, ist eine Paraderolle für Oscar Sales Bingisser. Plakat: Ascot Elite Entertainment/Foto: Aliocha Merkerletzten

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«Oscar, Du musst diese Rolle spielen!»

Oscar Sales Bingisser spielt in «Zwingli» einen bischöflichen Generalvikar, der dem Zürcher Reformator das Reformieren austreiben soll. Der Einsiedler Anzeiger hat den Schauspieler getroffen und mit ihm über die Dreharbeiten, die Religion und das Theaterspielen gesprochen. Der Film läuft ab 17. Januar im Kino.

Die Klosterkirche Einsiedeln bildete die Kulisse für das Gespräch mit Oscar Bingisser, zwei mächtige Türme im winterlichen Nachmittagslicht. Zwei Türme, wie sie auch für das Grossmünster in Zürich charakteristisch sind, für jene über der Limmat thronenden Kirche, wo Ulrich Zwingli vor 500 Jahren lebte und mit Wort und Tat dafür sorgte, dass die christliche Kirche in der Schweiz sich spaltete. Der Film «Zwingli» ist der publikumswirksame Auftakt zum Zwingli-Jahr 2019, das von vielen Schweizer Reformierten und vor allem von der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich mit verschiedenen Anlässen gefeiert wird. Im Film von Regisseur Stefan Haupt spielt Oscar Sales Bingisser die Rolle des autoritären Generalvikars Johann Faber, der im Auftrag des Bischofs von Konstanz nach Zürich geschickt wird, die ketzerischen Ambitionen des Leutpriesters Zwingli zu unterbinden. Der Katholik Bingisser spielt im Film über den Reformator einen katholischen Würdenträger in leuchtend roter Soutane. Dazu meint der Schauspieler heiter: «Ich bin nicht religiös, wohl aber katholisch geprägt. Und Theater ist eine archetypische Angelegenheit, sein Urgrund ist immer die Religion.» Er ist im nahe gelegenen Hotel Drei Könige aufgewachsen, im Herzen eines der katholischsten Orte der Schweiz. Aber auch der Protestantismus war in der Familie präsent: «Meine Grossmutter war wahrscheinlich eine der ersten protestantischen Frauen in Einsiedeln, was nicht immer einfach war für sie», erzählt Bingisser über seine religiösen Wurzeln.


Streng, aber minutiös vorbereitet


Zur Rolle des Generalvikars kam er zufällig. Bingisser hatte Regisseur Stefan Haupt vor etwa zwanzig Jahren kennengelernt, als er in dessen Film «Utopia Blues» mitspielte. Am Zürcher Theaterspektakel im Sommer 2017 trafen sie sich wieder, Haupt erzählte von seinen Filmplänen und fand sogleich, sein alter Freund wäre prädestiniert für die Figur des Johann Faber: «Oscar, Du musst diese Rolle spielen.» Das darauffolgende Casting, bei dem die Bewerber Szenen aus «Zwingli» darbieten mussten, verlief für Oscar Sales Bingisser erfolgreich. «Man kannte mich natürlich, trotzdem war ich etwas überrascht, dass es tatsächlich klappte», meinte er rückblickend nicht ohne Stolz. Er schwärmt von den Dreharbeiten, die streng, aber von der Filmcrew minutiös bis ins Detail vorbereitet waren, sodass auch in aufwendigen Szenen weder Hektik noch Chaos aufkam.


Vier Stunden für eine Minute Film


Die Filmaufnahmen dauerten etwa sechs Wochen. Zum Teil wurde an den Originalschauplätzen in Zürich gedreht, aber der grösste Teil des Films ist in Stein am Rhein entstanden. «Morgens um sechs musst du in die Maske», beschreibt Bingisser den Start eines typischen Drehtags, «dann steigst du ins Kostüm, stärkst dich zwischendurch mit Kaffee und Gipfeli und gehst nochmals in die Maske.» Um acht Uhr dreissig haben alle drehfertig zu sein. Was der Zuschauer am Schluss als minutenkurze Szene sieht, ist unter Umständen das Resultat von drei, vier und mehr Stunden Dreharbeit. Es wird gefilmt, bis die Szene zur Zufriedenheit des Regisseurs «im Kasten» ist. Im Trailer zum Film werden düstere Szenen angeteast: Ketzer auf brennenden Scheiterhaufen, Dispute zwischen Zwingli und Kirchenoberen, das eingeschüchterte Volk in Angst vor den drakonischen Strafen der Kirche. Man fragt sich, ob diese mittelalterliche Atmosphäre auch während den Dreharbeiten zu spüren war. Aber Oscar Sales Bingisser winkt ab: «Nein, die Distanz ist immer da, denn die Drehs können Stunden dauern. Vorne wird eine Hinrichtung gefilmt und neben dir wird deiner Kollegin gerade eine Cola gereicht. Als Schauspieler steigst du in die Geschichte ein und wieder aus.»


Magische Kirchen und Meditation


Da bleibt auch weder Zeit noch Musse, sich von einem altehrwürdigen Kirchenraum wie dem des Grossmünsters inspirieren zu lassen, obwohl Oscar Sales Bingisser auf seinen Reisen gerne Kirchen besucht und sich an ergreifende Momente in verschiedenen Gotteshäusern erinnert: «In der Kirche des Zisterzienserklosters Fontenay im Burgund war ich hin und weg.» Spiritualität sei etwas sehr Persönliches: «Wir suchen die Magie, aber ob eine Kirche auf uns wirkt, ist abhängig von unseren Erwartungen an diesen speziellen Raum. Der eine Sakralbau berührt uns tief, der andere weckt keinerlei Emotionen in uns.» Apropos Spiritualität: Oscar Sales Bingisser sucht seine innere Ruhe seit dreissig Jahren in der Zen-Meditation. «Der japanische Soto-Zen-Buddhismus leitet den Menschen an, sich in der Meditation selbst zu beobachten und sich so seiner selbst, seiner eigenen Fehler und Flausen ein wenig bewusster zu werden.»


Einsiedler Anzeiger / Gina Graber

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Film

Publiziert am

08.01.2019

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sogenda.ch/5xqSVw